Jul 30

Einladung SED

Legende zur Einladung Chemnitzer an Stoll vom 25.10.1989

Am 25.10.1989 fand das 3. Friedensgebet in Neubrandenburg mit anschließender Demonstration um den Ring zum Karl-Marx-Platz statt.
Die etwa 30.000 Demonstranten überfluteten den Platz und drängten das armselige Häuflein der von der Partei bestellten Statisten dicht um das vom Herrn Chemnitzer krampfhaft verteidigte Mikrofon.
Von dessen oft von Buh – Rufen, Pfiffen und Gelächter unterbrochen Rede
ist mir heute eigentlich nur noch die Drohung im Gedächtnis: „…. wenn Sie mich nicht weiter reden lassen, dann können wir auch anders!“ à das war eine eindeutige Drohung mit der Gewalt.
Auf der Demo sprachen wie bekannt die Vertreter der Kirchen und der neuen Bewegungen.
Nach dem offiziellen Ende der Demo standen noch stundenlang Gruppen auf dem Platz und diskutierten.
Die Demonstranten hatten die mitgeführten Kerzen auf dem Platz oft zu Kreisen zusammengestellt und zu Ende brennen lassen.
Noch am 25.10. nach der Demo kam gegen 22.30 Uhr ein Bote zu mir nach Hause und klingelte an der verschlossenen Haustür.Meine Frau forderte ihn vom Fenster im 1. Stock auf, sich vorzustellen und den Grund seines Klingelns zu nennen.
Er sei Bote des 1. Sekretärs der Bezirksleitung der SED, Johannes Chemnitzer und habe eine Einladung zu einem Gespräch am nächsten Tag.
Ich nahm eine Taschenlampe und dieses Mal nicht den abgesägten Schippenstiel neben der Tür mit und öffnete Herrn J. die Tür, um den Brief in Empfang zu nehmen.
Von dem Gespräch am 26.10.1989 bei Herrn Chemnitzer sollte eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht werden.
Die dem Herrn 1. Sekretär für ihre Arbeit in der Bürgerbewegung bekannten Neubrandenburger Ulrich von Saß, Martin Fritz, Alfred Dohndorf und Gerhard Stoll hatten sich zwar zuvor abgestimmt, aber eine gemeinsame Erklärung im kleinen Stübchen wollten wir mit diesen Herren nicht unterzeichnen, das hätten wir als Verrat an der eigenen Sache gesehen.
In totaler Verkennung der Lage bot Herr Chemnitzer dem NEUEN FORUM an, doch der Nationalen Front beizutreten, da die ja die Interessen des ganzen Volkes vertritt.
Ulrich von Saß stellte dem ersten Sekretär in dem Gespräch die Frage, ob er denn wüsste, dass er an diesem Tage an einer ungenehmigten Demonstration teilgenommen habe.
Verwirrung auf der Seite des Einladenden und der Versuch uns von weiteren Demonstrationen abzuhalten bestärkten uns dann in der Meinung „Wir demonstrieren auf der Straße solange, bis unsere Forderungen nach einer Erneuerung der gesamten Gesellschaft unumkehrbar sind“
Diese Einladung war der einzige und letzte hilflose Versuch der SED – Führung des Bezirkes Neubrandenburg, die machtvollen Demonstrationen zu unterbinden.

Jul 22

Legende zum Flugblatt DEMONSTRATION am 04.12.1989:Plakat zur Demo

Eigenhändig geschrieben mit der “Ato – Feder” nach Feierabend im Wohnungsbaukombinat Neubrandenburg.
Vervielfältigt am volkseigenen Kopierer im WBK, irgendwann hatte Irgendwer das Netzkabel (im Auftrag?) weggeschlossen.
Angezweckt mit Reißzwecken an Bäumen und Masten vorwiegend in der Innenstadt, meist am späten Abend.
Durch irgend welche unbekannte Personen teilweise wieder abgerissen
Bei erneuter Fahrradrunde Flugblätter wieder angebracht.
Nächsten Morgen wie immer von 6.45 – 16.15 Uhr im VEB für den Sozialismus gearbeitet und rechtzeitig um 17.00 Uhr (immer schön nach Feierabend) zur Demo => es war auch eine Revolution nach Feierabend!
Dank an alle Kollegen (Herrmann, Ralf, Peter, Detlef und wie ihr alle heißt), die in jener Zeit wussten, was ich tat und in meiner Abwesenheit für mich mit arbeiteten.

Jul 22

NK20090721In der heutigen Ausgabe des Neubrandenburger Zeitung ist über unsere Arbeit ein Artikel erschien. Vielen Dank, liebe Freunde vom Nordkurier für diesen wunderbaren Service. Auf eine gute weitere Zusammenarbeit.

Jul 16

Die erste öffentliche Aktion des Herbstes `89 in Neubrandenburgkerze

Die erste öffentlichkeitswirksame Initiative des Friedenskreises der evangelischen Kirche im Herbst `89 war die „Kerze der Hoffnung“.
Am Abend vom 6. zum 7. Oktober sollte als Zeichen der Hoffnung auf eine
für das Volk positive Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR eine Kerze ins Fenster gestellt werden.

Durch Mund-zu-Mund-Propaganda war ausgehend von der Kirche die Information unter die Leute gebracht worden.
Einen Teil meiner Arbeitskollegen hatte ich aufgefordert, bei dieser harmlosen Aktion mitzumachen.

Für mich war dieses Datum in mehrfacher Hinsicht bedeutend.
An diesem Wochenende wurde für meinen Sohn Torsten in den Kirchen Neubrandenburgs gebetet.
Er saß in der Strafvollzugsanstalt Leipzig – Rackwitz seit 10 Monaten wegen versuchter Republikflucht.
Gleichzeitig hatte ich über Kirche, Freunde und Verwandte eine Postkartenaktion an seine Adresse im Knast organisiert.

Am Abend des 6. Oktobers ging ich dann mit Frau und Sohn Wolfgang durch das Vogelviertel, um zu sehen, wie viele denn den Mut zu diesem kleinen Zeichen der Hoffnung der Kerze im Fenster hatten.
Es waren nicht viele, aber unser Fenster war wenigstens nicht das einzige mit Kerze.

Lange nach der Wende erzählten mir zwei der ehemaligen Arbeitskollegen,
dass sie in dieser Zeit nicht den Mut hatten, wenigstens dieses kleine Zeichen zu setzen.
Andere Stammtischrevolutionäre aus DDR-Zeit und Dauergegner des Systems hatten ganz vergessen, an der friedlichen Revolution teilzunehmen.

Und mit der Öffnung der Mauer am 9. November `89 war ja dann plötzlich alles anders, von diesem Datum an war der Zusammenbruch der sozialistischen Gesellschaft in der DDR nicht mehr aufzuhalten.

Die Fluchtmöglichkeit in den Westen bestand ja jetzt für jeden, der sich gegen Partei und Regierung engagierte und das Risiko um die eigene Freiheit, die Gesundheit oder gar das Leben bestand nicht mehr.
Deshalb ist dieses Datum für mich ein wichtiger Prüfstein bei der Bewertung des politischen Engagementes einzelner Nachwendepolitiker.

Jul 14

Vortag Himmelfahrt 1964
Mein Freund Rudi und ich fahren nach Tessin – wir wollen mit unserem ehemaligen Kaplan Skat spielen – wie jedes Jahr zum „Herrentag“. Also mit dem Zug nach Rostock – in die Bahnhofsgaststätte und von dort sollen wir abgeholt werden, so ist es geplant.
Wir sitzen am Tisch, essen und trinken (wohl eher keine rote Brause) als sich ein älterer, offenbar verunfallter Mann (stark bandagiert) zu uns setzt – höflich, nett.
Er weiß von unseren Kolping-Abzeichen, dass wir katholisch sind, gibt sich auch als katholischer Christ zu erkennen, zeigt uns als Beweis seiner Treue zur Kirche einen Brief des Prälaten aus Güstrow, der ihm geschrieben habe … und schon sind wir in ein Gespräch verwickelt. Später wird uns bewusst: Ein politisch sehr brisantes Gespräch, sicherlich mit Verleumdungen und so genannter Staatshetze angereichert.
Plötzlich: Zwei junge Männer kommen an unseren Tisch, fragen nicht sondern setzen sich, pöbeln uns an und einer der Beiden legt frech seinen Arm um die Schulter unseres „Tischgenossen“. Mein Freund Rudi und ich werden ungehalten, drohen mit dem Kellner und prompt verschwindet einer der Beiden, der andere gibt seine „Umarmung“ nicht auf.
Aus sicherer Entfernung macht der andere Mann Zeichen, jemand möge zu ihm kommen. Ich gehe skeptisch hin und dann nur ein Satz: Ihr sitzt mit einem stadtbekannten Greifer der Stasi am Tisch, der euch sicherlich an den Abzeichen erkannt hat – verschwindet und lasst euch in den nächsten Stunden in Bahnhofsnähe nicht mehr sehen. Mein Freund hält den Greifer noch fest – haut ab. (So sinngemäß). Wir hauten nicht ab – wir flüchteten.
Leider wissen wir bis heute nicht die Namen unserer „Schutzengel“ – sehr schade!

So erlebte ich das MfS als ganz junger Mann. Ich bin mit Sicherheit kein Held – habe keine Ahnung, was passiert wäre, wenn die Stasi mich (und meinen Freund) gegriffen und uns einige Zeit „Gastfreundschaft“ gewährt hätte.

Jul 14

September 1959 – Adolf-Hennecke-Berufsschule
Klassenlehrer Bruno R. wirbt pflichtgemäß für die „Junge Welt“ – normal, denn fast alle Lehranfänger sind Mitglied der FDJ und logisch: Die FDJ-Zeitung wird bestellt.
„Dieses Lügenblatt bestelle ich nicht“ – so meine unbedachte, sehr ehrlich Reaktion vor der Klasse. Einem 16 – jährigen normalerweise verzeihbar.
(Hintergrund: meine Schwester hatte die „JW“ vor einiger Zeit abbestellt, weil in ihr die Rede des Papstes zum Katholikentag 1958 in Berlin als „Kriegshetzerrede“ verunglimpft wurde).
Bruno R. verhielt sich nicht pflichtgemäß, denn pflichtgemäß hätte bedeutet: Anzeige dieser „ungeheuren Verleumdung“. Er beschwor mich zu sagen, ich habe mit dieser Feststellung nur das eine Vorkommnis auf dem Katholikentag gemeint. Das tat ich.Dieses Zurückrudern hätte aber beim “Auffliegen“ des Zitates keine „mildernden Umstände“ bedeutet, weder für Bruno R. noch für mich.
Der Klassenlehrer hat mich wohl vor erheblichen Konsequenzen bewahrt und sich – das war ihm wohl auch bewusst – in ziemlich große Gefahr begeben. Es hätte nur ein Schüler meine Äußerung ganz ahnungslos weitererzählen brauchen und schon wäre die Stasimaschinerie in Gang gesetzt worden. Bruno R. wäre wohl mit Berufsverbot belegt worden und ich in der „Sozialistischen Umerziehung“ gelandet! Schlimme Aussichten!

Jul 14

Ich habe wie 17 Millionen in der DDR gelebt. Als praktizierender Christ (katholisch) war manches sogar einfacher: Man wusste beidseitig, woran man ist – so kann ich mich an keine Schikanen erinnern, weil ich und meine Geschwister nicht bei den Pionieren waren.
Jugendweihe war kein Thema, auch als meine Tochter 1988 diese verweigerte gab es kaum Diskussionen. (Aber den Vorwurf: Wir als Eltern verbauten ihr die Zukunft. Sie machte 1992 ihr Abi – die Wende war für sie somit ein sehr persönliches Geschenk).

Manchmal gibt es im Leben „Schutzengel“ – sie sind da, man hat sie nicht gerufen oder bestellt – manch einer sagt: Reiner Zufall! Dann aber ein sehr glücklicher Zufall!
Ich hatte sicherlich ab und an einen solchen Schutzengel – aber zwei Begebenheiten sind mir sehr präsent, in denen mich Schutzengel – ich nenne sie so – mich vor den Klauen der Stasi bewahrt haben.

Jul 13

“Bilder des Umbruchs”
Werner Müller u.a. Katalog zur Fotoausstellung
Chronik des Umbruchs in den drei Nordbezirken
ISBN 3-932370-91-0

“feindlich negativ”
Zur politisch-operativen Arbeit einer Stasi-Zentrale
(Die Tätigkeit des MfS in den achtziger Jahren im Bezirk Neubrandenburg)
Ulrich von Saß und Harriet von Suchodoletz
ISBN 3-373-01360-0

“Talglicht-Revolution”
Texte to den Freudenthal-Preis 1990 ut un över de DDR (Geschichten auf Plattdeutsch)
Heinz von der Wall
ISBN 3-87546-065-0

“Herbst 1889/Frühjahr 1990″
Die Geschichte unserer friedlichen Revolution
Eine Chronologie der Ereignisse in Neubrandenburg aus der Sicht von Fridolf Heydenreich
(Schriftenreihe des Regionalmuseums Neubrandenburg, Heft 23)

“Ihr sollt wissen. das der Norden nicht schläft…”
Kai Langer
Zur Geschichte der “Wende” in den drei Nordbezirken der DDR
ISBN 3-86108-749-9

“In Mecklenburg ist auch schon heut”
Hans-Jürgen Schulz
Schriftenreihe des Startarchiv Neubrandenburg
ISBN 1614-6484

Jul 11

Demonstrationszug vom 25.10.1989 auf Höhe der Treptower Straße. Es wäre schön, wenn sich Menschen bei uns melden würden, die sich auf dem Foto erkenne. Uns interessiert ihre Geschichte. Was haben sie damals für Hoffnungen, Wünschen und Begehrlichkeiten gehabt? Wohin hat sie das Schicksal verschlagen? Wie sehen sie sich heute, fast 20 Jahre nach diesem Datum?
demo-25.10.89-nbdbg0001

Jul 09

Heute um 16:30 Uhr treffen sich die Augenzeugen89 an der Aussenstelle der Stasiunterlagenbehörde, um gemeinsam mit dem Behördenleiter, Herr Holm-Henning Freier einen Rundgang auf dem Erinnerungspfad und in der Behörde zu unternehmen. Interessenten sind hierzu herzlich eingeladen.

Link