Jul 03

Friedliche Revolution im Bezirk Neubrandenburg

“Mehr Tempo für eine stabile Versorgung mit Waren aus dem Bezirk.” So titelt die Neubrandenburger Bezirkszeitung “Freie Erde” am 19. Mai 1989. Und am 19. Juli vermeldet sie: “150.000 Hosen und 10.000 Sakkos über dem Plan. Worüber man in den Altentreptower Schneiderstuben in diesen Tagen diskutiert.”

Liest man das offizielle Parteiorgan, dann ist in der DDR im Jahr 1989 alles in bester Ordnung – auch im Bezirk Neubrandenburg. Dass es schon überall brodelt, das dürfen die Journalisten nicht schreiben. In Wirklichkeit ist nichts mehr in Ordnung, auch nicht im Bezirk Neubrandenburg.

An das politische Ende wagt vorerst noch niemand zu denken. Die Partei scheint sich ihrer Sache sicher zu sein. Gerade erst wollte sie sich die Zustimmung durch das Volk bei den Kommunalwahlen am 7. Mai bestätigen lassen. Doch die Abstimmung hat nicht das gewünschte Ergebnis gebracht.

“Es gab Ärger”, erzählt Burkhard Räuber. “Ich selbst war damals auch bei den Wahlen und habe den Zettel einfach durchgestrichen. Und im Endeffekt glaube ich schon, dass der Unmut groß war. Aber hier ist deswegen keiner auf die Straße gegangen und hat Krach geschlagen.”

Doch die Opposition baut sich auf: der Handwerker Hans-Jürgen Schulz, der evangelische Pastor Ulli von Saß, der Katholik Burkhard Räuber und der renitente Genosse Gerhard Stoll – alle haben ihre Gründe, die Verhältnisse in der DDR zu kritisieren. Im Herbst ’89 schließen sie sich zusammen. Das Bündnis aus Bürgern ganz unterschiedlicher gesellschaftlicher Schichten wird den Funktionären von Partei und Staatssicherheit zum Verhängnis.

Mit Kerzen im Fenster setzen die Widerständler Zeichen. Im Oktober 1989 findet ein Friedensgebet in der Johanniskirche statt. Die Kirche ist voll bis auf den letzten Platz. Immer mehr Menschen sammeln sich. Schließlich kommt es zu einem Schweigemarsch durch die Innenstadt von Neubrandenburg.

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