Jul 14

September 1959 – Adolf-Hennecke-Berufsschule
Klassenlehrer Bruno R. wirbt pflichtgemäß für die „Junge Welt“ – normal, denn fast alle Lehranfänger sind Mitglied der FDJ und logisch: Die FDJ-Zeitung wird bestellt.
„Dieses Lügenblatt bestelle ich nicht“ – so meine unbedachte, sehr ehrlich Reaktion vor der Klasse. Einem 16 – jährigen normalerweise verzeihbar.
(Hintergrund: meine Schwester hatte die „JW“ vor einiger Zeit abbestellt, weil in ihr die Rede des Papstes zum Katholikentag 1958 in Berlin als „Kriegshetzerrede“ verunglimpft wurde).
Bruno R. verhielt sich nicht pflichtgemäß, denn pflichtgemäß hätte bedeutet: Anzeige dieser „ungeheuren Verleumdung“. Er beschwor mich zu sagen, ich habe mit dieser Feststellung nur das eine Vorkommnis auf dem Katholikentag gemeint. Das tat ich.Dieses Zurückrudern hätte aber beim “Auffliegen“ des Zitates keine „mildernden Umstände“ bedeutet, weder für Bruno R. noch für mich.
Der Klassenlehrer hat mich wohl vor erheblichen Konsequenzen bewahrt und sich – das war ihm wohl auch bewusst – in ziemlich große Gefahr begeben. Es hätte nur ein Schüler meine Äußerung ganz ahnungslos weitererzählen brauchen und schon wäre die Stasimaschinerie in Gang gesetzt worden. Bruno R. wäre wohl mit Berufsverbot belegt worden und ich in der „Sozialistischen Umerziehung“ gelandet! Schlimme Aussichten!

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