Jul 14

Vortag Himmelfahrt 1964
Mein Freund Rudi und ich fahren nach Tessin – wir wollen mit unserem ehemaligen Kaplan Skat spielen – wie jedes Jahr zum „Herrentag“. Also mit dem Zug nach Rostock – in die Bahnhofsgaststätte und von dort sollen wir abgeholt werden, so ist es geplant.
Wir sitzen am Tisch, essen und trinken (wohl eher keine rote Brause) als sich ein älterer, offenbar verunfallter Mann (stark bandagiert) zu uns setzt – höflich, nett.
Er weiß von unseren Kolping-Abzeichen, dass wir katholisch sind, gibt sich auch als katholischer Christ zu erkennen, zeigt uns als Beweis seiner Treue zur Kirche einen Brief des Prälaten aus Güstrow, der ihm geschrieben habe … und schon sind wir in ein Gespräch verwickelt. Später wird uns bewusst: Ein politisch sehr brisantes Gespräch, sicherlich mit Verleumdungen und so genannter Staatshetze angereichert.
Plötzlich: Zwei junge Männer kommen an unseren Tisch, fragen nicht sondern setzen sich, pöbeln uns an und einer der Beiden legt frech seinen Arm um die Schulter unseres „Tischgenossen“. Mein Freund Rudi und ich werden ungehalten, drohen mit dem Kellner und prompt verschwindet einer der Beiden, der andere gibt seine „Umarmung“ nicht auf.
Aus sicherer Entfernung macht der andere Mann Zeichen, jemand möge zu ihm kommen. Ich gehe skeptisch hin und dann nur ein Satz: Ihr sitzt mit einem stadtbekannten Greifer der Stasi am Tisch, der euch sicherlich an den Abzeichen erkannt hat – verschwindet und lasst euch in den nächsten Stunden in Bahnhofsnähe nicht mehr sehen. Mein Freund hält den Greifer noch fest – haut ab. (So sinngemäß). Wir hauten nicht ab – wir flüchteten.
Leider wissen wir bis heute nicht die Namen unserer „Schutzengel“ – sehr schade!

So erlebte ich das MfS als ganz junger Mann. Ich bin mit Sicherheit kein Held – habe keine Ahnung, was passiert wäre, wenn die Stasi mich (und meinen Freund) gegriffen und uns einige Zeit „Gastfreundschaft“ gewährt hätte.

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