Jul 16

Die erste öffentliche Aktion des Herbstes `89 in Neubrandenburgkerze

Die erste öffentlichkeitswirksame Initiative des Friedenskreises der evangelischen Kirche im Herbst `89 war die „Kerze der Hoffnung“.
Am Abend vom 6. zum 7. Oktober sollte als Zeichen der Hoffnung auf eine
für das Volk positive Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR eine Kerze ins Fenster gestellt werden.

Durch Mund-zu-Mund-Propaganda war ausgehend von der Kirche die Information unter die Leute gebracht worden.
Einen Teil meiner Arbeitskollegen hatte ich aufgefordert, bei dieser harmlosen Aktion mitzumachen.

Für mich war dieses Datum in mehrfacher Hinsicht bedeutend.
An diesem Wochenende wurde für meinen Sohn Torsten in den Kirchen Neubrandenburgs gebetet.
Er saß in der Strafvollzugsanstalt Leipzig – Rackwitz seit 10 Monaten wegen versuchter Republikflucht.
Gleichzeitig hatte ich über Kirche, Freunde und Verwandte eine Postkartenaktion an seine Adresse im Knast organisiert.

Am Abend des 6. Oktobers ging ich dann mit Frau und Sohn Wolfgang durch das Vogelviertel, um zu sehen, wie viele denn den Mut zu diesem kleinen Zeichen der Hoffnung der Kerze im Fenster hatten.
Es waren nicht viele, aber unser Fenster war wenigstens nicht das einzige mit Kerze.

Lange nach der Wende erzählten mir zwei der ehemaligen Arbeitskollegen,
dass sie in dieser Zeit nicht den Mut hatten, wenigstens dieses kleine Zeichen zu setzen.
Andere Stammtischrevolutionäre aus DDR-Zeit und Dauergegner des Systems hatten ganz vergessen, an der friedlichen Revolution teilzunehmen.

Und mit der Öffnung der Mauer am 9. November `89 war ja dann plötzlich alles anders, von diesem Datum an war der Zusammenbruch der sozialistischen Gesellschaft in der DDR nicht mehr aufzuhalten.

Die Fluchtmöglichkeit in den Westen bestand ja jetzt für jeden, der sich gegen Partei und Regierung engagierte und das Risiko um die eigene Freiheit, die Gesundheit oder gar das Leben bestand nicht mehr.
Deshalb ist dieses Datum für mich ein wichtiger Prüfstein bei der Bewertung des politischen Engagementes einzelner Nachwendepolitiker.

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