Okt 06
Foto: Hans-Jürgen Schulz

Foto: Hans-Jürgen Schulz

Erinnern für die Zukunft

Als am Vormittag des 18.10.1989 die Pastoren Ullrich von Saß und Winfried Schiemann vereinbarten, dass es im Anschluss an das Friedensgebet in der Johanniskirche  ein Schweigemarsch durchgeführt werden kann, konnte wohl niemand erahnen, dass an diesem Abend sich über 4.000 Menschen auf dem Kirchenvorplatz der katholischen Kirche drängen würden. Eingezwängt zwischen den Treppenstufen zur Kirche und einer tiefen Baugrube, die erst vor kurzem für den Neubau des Pfarrhauses ausgehoben worden war. Die Menschenmasse war diszipliniert aber zugleich unruhig. War das, was sie soeben erlebt hatten Wirklichkeit? Erst am Nachmittag hatte es sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen und Pastor von Saß hatte es im Informationsteil des Friedensgebetes bestätigt – Erich Honecker war zurückgetreten. Sein Nachfolger als neuer SED Chef, Egon Krenz hatte verkündet, er wolle eine „Wende“ einleiten. Dann diese unglaubliche Menge an Menschen in und um die altehrwürdige Johanniskirche. 1.500 Menschen in der Kirche und draußen 1.000, die keinen Platz gefunden hatten und das an einem Mittwoch um 17:00 Uhr. Ein Chronist schrieb dazu „ …(die Johanniskirche war) so voll, wie wohl noch nie in ihrer Geschichte“. Kein Mensch konnte mit einem solchen Ansturm, in der wohl „kommunistischsten“ Bezirksstadt rechnen. Waren es doch am Mittwoch zuvor nur knapp 400 Menschen die sich in der Johanniskirche zum Friedensgebet versammelten.  Die Masse auf dem Vorplatz der katholischen Kirche war unruhig, weil der Demonstrationszug, vorbei an Polizeizentrale, SED Parteizentrale, und Staatssicherheit bis hin zur katholischen Kirche, auf weit über 4.000 Menschen angeschwollen war und niemand von Staat und Regierung etwas dagegen unternahm. Nur ein schnell heran gebrauster Wartburg der Polizei sperrte mit einigen Polizisten den Ring an der Turmstraße ab, was bei dieser Menge Menschen aber nicht wirklich nötig war.

Viele in der auf dem Vorplatz versammelten Menge fragen sich: Sollte es wirklich so einfach sein, in diesem allmächtigen Staat eine illegalen Demonstration durchzuführen? Reichte es aus, dieser Demonstration nur den Namen „Weg der Hoffnung“ zu geben und von einer Kirche zur anderen zu marschieren? Was wird jetzt hier passieren?  Pfarrer Schiemann betritt den Balkon – die Masse schweigt – ohne Mikrofon, mit gewaltiger Stimme fordert er dazu auf, das „Vaterunser“ zu beten. Nur wenige beten, viele murmeln, die meisten lauschen still dem Gebet, weil sie es nicht kennen. Danach bedankt er sich für das Kommen, wünscht einen friedlichen Heimweg und spendet den Segen. „Wie, das soll alles gewesen sein?“ Es regt sich Unmut. Was die Demonstranten nicht wissen ist, die Pastoren Martins, Schiemann und von Saß hatten am Nachmittag mit staatlichen Stellen verhandelt und zugesagt den erwarteten Demonstrationszug in „ruhige Bahnen“ zu lenken und im Gegenzug erreicht, dass die Einsatzkräfte der Polizei sich so weit wie möglich zurückziehen. Augenzeugen berichten später, mehrere Hundertschaften bewaffneter Polizisten und Wasserwerfer hätten sich in den Wiesen an der verlängerten Jahnstraße zum Eingreifen bereit gehalten.

Was damals vielleicht etwas unpatriotisch anmutete, war eine kluge Entscheidung, nämlich die Masse nicht aufzuheizen, sondern mit Gebet und Segen zu beruhigen. Auf dem Rückweg von der  Demo stellten viele ihre Kerzen und einige auch die wenigen mitgebrachten Transparente an der SED-Parteischule auf. In diesem Gebäude saßen wohl zeitgleich die Spitzen der Neubrandenburger SED, etwas ängstlich, in der Sauna zusammen, wird aus verlässlicher Quelle berichtet.

Eine Woche später kam es bereits zur mächtigsten Demonstrationen mit fast 40.000 Menschen auf dem „Karl-Marx-Platz“, wieder im Anschluss an ein Friedensgebet. Alles blieb auch hier friedlich. Vor einigen Tagen schrieb Gerhard Stoll, der damalige Sprecher des Neuen Forum, „Von der Johanniskirche zur katholischen Kirche sollte der Marsch gehen, um den Menschen Mut zu machen und Ihnen zu zeigen, dass die Kirchen Träger und Beschützer der Bewegung sind.“

Am 18.10.2009 soll diesem Ereignis vor 20 Jahren gedacht werden. Um 19:00 Uhr wird in der Johanniskirche ein Friedensgebet stattfinden bei dem auch einige Akteure von damals zu Wort kommen sollen. Vielleicht finden sich im Anschluss an dieses Friedensgebet genügend Leute zusammen um nochmal gemeinsam den „Weg der Hoffnung“ zu gehen. Hoffnung und Frieden brauchen die Menschen auch heute, Unglaubliches in Gang setzen kann man zu jeder Zeit.

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