Nov 26

Aktenschnipsel vorsortiert in Stapeln

Aktenschnipsel vorsortiert in Stapeln

Anlässlich des 20. Jahrestages der Besetzung von Stasi-Einrichtungen im ehemaligen Bezirk Neubrandenburg findet am 04.12.2009 um 19.00 Uhr im Hotel Radisson BLU (Raum Rostock), zu unserem ein Podiumsgespräch statt.
Die Gäste im Podium sind neben der Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, Marita Pagels-Heineking, Pastor Ulrich von Saß, Superintendent i. R. Jürgen Jehsert und der Mitbegründer und Sprecher „Neues Forum“ in Neubrandenburg Gerhard Stoll.
Der Chefredakteur des Nordkurier Herr Michael Seidel wird mit den Podiumsgästen die Entwicklung der Friedlichen Revolution in der DDR von den ersten öffentlichen Schritten der Bürgerbewegung bis zur Besetzung der MfS-Dienststellen im ehemaligen Bezirk Neubrandenburg besprechen.

Nov 23
Freigangtorte Stasiknast-NB

Freigangtorte Stasiknast-NB

So sah er aus der Freigangsbereich im Stasiknast in Neubrandenburg. Im Dezember 1989 sahen erstmals Vertreter der Bürgerbewegung in Neubrandenburg diesen Teil des Stasigefängnisses auf dem Neubrandenburger Lindenberg. Bei vielen ist die so genannte “Stasitorte” in nachhaltiger Erinnerung geblieben. Es bedarf keiner besonders großen Fantasie, um sich sich vorzustellen, wie unmenschlich die Bedingungen in den Gefängnissen der Staatsicherheit der DDR waren. In den 20 Jahren seit damals wurde der Knast in eine JVA umgebaut. Kaum noch etwas erinnert an das Haftregime der Staatssicherheit.

 

Nov 13

Predigt am 09.11.2009 in der St. Johanniskirche Neubrandenburg

Quelle Spiegel.de

Quelle Spiegel.de


Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie die Berichte wieder hören oder sehen, die uns vor 20 Jahren bewegt haben. Ich selbst werde davon berührt und zwar auf einer Ebene, die sich sprachlich nicht mehr mitteilen lässt. Ja es passiert etwas, das mir die Sprache verschlägt.
In mir wird etwas bewegt, das seinen Ausdruck sucht in Gefühlen. Deshalb haben wir bewusst diesen Gottesdienst auch nicht mit vielen Worten begonnen.
Wir haben die biblische Geschichte vom Einsturz der Mauern Jerichos gehört und wir haben uns erinnert an den Fall der Mauer in Deutschland vor 20 Jahren in den Tondokumenten.
So haben beide Mauern ihre Gemeinsamkeiten, sie sind ohne militärische Gewalt gefallen und ich glaube auch zutiefst, dass in beiden Geschichten, in der Geschichte von Jericho und in unserer Geschichte, Gott mitgewirkt hat. Aber dann hören die Gemeinsamkeiten in den beiden Geschichten auf. Jericho wird nach dem Fall der Mauer erobert mit einer für unser Empfinden unverhältnismäßigen Brutalität.
Israel erinnert sich in dieser Geschichte seines Weges mit Gott. Ausgrabungen in Jericho haben gezeigt, dass diese Geschichte mit allergrößter Wahrscheinlichkeit keine historischen Wurzeln in Jericho hat. Jericho war wohl längst verlassen, zu der Zeit, von der die Geschichteberichtet. Es handelt sich um eine Sage, die versucht zu erklären, wer Israel gewesen ist.
Die Israeliten haben im Exil, nach der Verbannung nach Babylon gefragt, wer sind wir, wo kommen wir her, welchen Weg ist Gott mit uns gegangen und welche Geschichte haben wir. Israel blickt auf seine Geschichte um seine gegenwärtige Identität zu finden. Es gäbe heute keine Juden mehr, wenn sich Israel nicht über Jahrhunderte und Jahrtausende seiner Geschichte bewusst geblieben wäre und sie immer wieder erzählt härte.
Wer Geschichte verdrängt verfälscht seine Gegenwart und löscht seine Zukunft. Das gilt für die Erinnerung an den 9. November 1938 genauso wie für die Erinnerung an den 9. November 1989. Wir dürfen nicht vergessen, wenn wir eine Zukunft haben wollen!
Und genau aus diesem Grunde sind wir heute hier. Um uns zu vergewissern, wer wir sind, wo wir herkommen und wohin es mit uns gehen soll.
Wir blicken nicht auf über 2000 Jahre Geschichte. Wir blicken aber auf unsere deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert und auf die Geschichte der letzten 20 Jahre und vor allem auch auf unsere eigene Geschichte.
Und weil unsere eigene Geschichte mit der jüngsten Geschichte unseres Volkes so stark verknüpft ist, weil jede Bewertung der Geschichte unbewusst immer verstanden wird als eine Bewertung meiner eigenen Geschichte, ja fast meiner Identität, fällt es uns so schwer, sachlich unsere jüngste Geschichte zu bewerten.
Die Bandbreite der Bewertung unserer Vergangenheit geht von einem Extrem ins andere. Von heimlichen oder offenen Wünschen nach der Wiederherstellung der DDR, über den leicht verklausulierten Satz, in der DDR war ja nicht alles schlecht; über eine emotional aufgeladene Debatte über den Begriff des Unrechtsstaates bis hin zu unversöhnlichen und berechtigten Anliegen der Opfer der DDR Diktatur.
Und jede Äußerung, jede Bewertung ist mit Emotionen verbunden, weil wir selbst, weil unsere eigene Geschichte, weil wir als Person in Frage gestellt werden.
Es wird noch viel Zeit brauchen, bis wir einigermaßen objektive Worte und Bewertungen des Geschehenen finden werden. Heute bleibt jede Bewertung, jede Schilderung der Ereignisse emotional belastet. Die einen werden sich von den Emotionen der Redner angesprochen fühlen, die anderen werden abgeschreckt.
Aber diese Auseinandersetzung bleibt uns nicht erspart, um unser Kinder willen, um unserer Zukunft willen, müssen wir uns erinnern an das was geschehen ist.
Wir müssen uns nicht nur daran erinnern, dass heute vor 20 Jahren eine Mauer gefallen ist und Menschen plötzlich die Möglichkeit hatten, Bekannten, Verwandten, Freunden und ganz unbekannten Menschen in den Arm zu fallen. Wir müssen uns auch daran erinnern, warum wir 1989 und schon in den Jahren davor auf die Straße und zu einhunderttausenden über die Grenze gegangen sind.
Wir müssen daran erinnern, was 1989 das Fass zum überlaufen brachte, das 1953 schon einmal stark gebrodelt hat und dessen Brodeln man durch Freiheitsberaubung zu unterbinden hoffte.
Und wenn ich von Freiheitsberaubung spreche, so meine ich nicht nur den Fakt, dass ABVs und Funktionäre darüber zu bestimmen hatte, wen von seinen Verwandten man zu welchen Anlass und ab welchem Alter sehen durfte.
Nein, die Freiheitsberaubung begann nicht an der Mauer. Sie begann in den Köpfen, als man versuchte, uns ein A für ein B vorzumachen und uns dies einzutrichtern von der Krippe an. Und wie viele von uns haben dann das B für ein A gehalten, haben zumindest darüber nachgedacht. Und wenn wir es tatsächlich nicht glauben wollten so mussten wir doch eine zweite Sprache lernen. Die Sprache, die wir in der Schule, im Betrieb, in der Öffentlichkeit sprechen durften und die Sprache, mit der wir zu Hause oder im Freundeskreis, im vertrauten Umfeld redeten.
Doch dieses Umfeld, in dem wir uns öffneten, hatte oft genug ein Loch nach Draußen. Dass wir manches Mal getäuscht wurden von den Menschen, denen wir vertrauten, im Extremfall vom eigenen Ehepartner, das ist uns in der Regel erst nach 1989 bewusst geworden.
Vorher hatten wir geglaubt oder gehofft wenigsten im Freundes- und Kollegenkreise frei zu sein.
Man hat unsere Freiheit eingeschränkt in dem man uns einsperrte, schwerwiegender war die Einschränkung der Freiheit unseres Denkens, war die Lüge mit der man jegliches selbständiges Denken zu unterbinden suchte.
Die DDR stellte sich als friedlichen und antifaschistischen Staat dar, sperrte aber die Menschen ein, die andere Vorstellungen vom Frieden hatte, man versuchte uns Kinder in Wehr- und GST Lagern und zu Militaristen zu erziehen mit einem Feindbild und einer Hetze gegen andere Menschen wie so oft in der Geschichte vorher.
Man hielt sich nicht an eigene Unterschriften der KSZE Schlussakte von Helsinki, in der Menschenrechte garantiert wurden.
Man verbot historisches Faktenwissen über die eigene Geschichte der sozialistischen Länder und deren vermeintlichen Lichtgestalten.
Man rief nach Weltfrieden und handelte heimlich mit Waffen.
Man sprach öffentlich über Umweltschutz und ging gnadenlos mit der Natur um.
Ja selbst radioaktive Strahlen kamen offiziell 1986 nicht über unsere Grenzen.
Dies alles und noch viel mehr gehörte zu den Gründen der Demonstrationen.
Dass es nicht viel zu kaufen gab, dass wir anstehen mussten, dass wir nicht so modisch gekleidet waren wie unsere Landsleute im Westen, das alles hätten wir ertragen, denn das hat uns nicht unglücklich gemacht.
Aber die Lüge, die Zweizüngigkeit, die Fessel des Geistes, die Überwachung haben das Feuer des Widerstandes entfacht.
Kleine Feuer, erst auf einzelnen Kerzen, die man schnell versuchte auszulöschen, deren Entzünder man schnell einsperrte oder abschob.
Aber die Feuer brannten auf kleinen Kerzen, still erst auf den Fensterbänken, dann in den Kirchen, später auf der Straße und dann vor den Gebäuden des MfS und der SED Kreis- und Bezirksleitungen.
Und diese kleinen Feuer, die dazugehörigen Gebete, die Füße der Menschen und die Stimmen, die plötzlich den Mut hatten zu rufen: „wir sind das Volk“, haben die Fesseln sprengen können.
Eine Mauer fiel am 9. November 1989, die die Grenzen öffnete, Grenzen die als Symbol dastehen für all die Mauern und Ketten, mit denen man uns einzusperren und zu binden versuchte.
Plötzlich und viel schneller als wir es uns in unseren kühnsten Träumen erträumen konnten waren wir frei von Willkür, Lüge und Ketten.
Aber, und jetzt komme ich in die Gegenwart, wir sind noch nicht im Paradies gelandet! Wer glaubt, dass mit der einen Lüge die Lüge aus der Welt geschaffen wurde, der täuscht sich.
Wer glaubt, mit der gewonnenen D-Mark oder dem Euro alle Freiheiten der Welt zu besitzen wird hoffentlich irgendwann einmal merken, dass man die wichtigsten Dinge im Leben nicht kaufen kann.
Wer meint, heute am Ziel zu sein ist näher an der Vergangenheit als in der Gegenwart oder gar der Zukunft.
Wer in der Vergangenheit lebt, der fängt an, die eigene Geschichte zu verklären in Museen, in Fernsehsendungen, der beschwört „die gute alte Zeit hinauf“ und merkt nicht, dass der Geist dieser Zeit mitbeschworen wird.
Das dürfen wir nicht zulassen. Wir müssen uns erinnern an unsere Geschichte und uns ihr offen und ehrlich stellen ohne Verklärung und falscher Sehnsucht.
Aber nicht damit, dass wir in eine Opferrolle schlüpfen und uns selbst beweihräuchern, was wir doch aller erdulden mussten. Sondern indem wir die Gegenwart gestalten, indem wir daran arbeiten, dass wir einer menschlicheren Welt immer näher kommen, um die Mauern, die uns heute noch umgeben zu Fall bringen.
Wenn wir die Gegenwart gestalten und in die Zukunft blicken wollen, dann brauchen wir einen offenen Umgang mit unserer Geschichte, dann müssen wir uns unserer Geschichte erinnern, wie es die Israeliten taten im Exil.
Dann brauchen wir Hoffnung. Vaclav Havel konnte sagen: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht“.
Wir brauchen Weggefährten. Ghandi hätte den Salzmarsch in Indien nicht alleine vollziehen können, M.L. King hätte nicht alleine in den Busstreik in Montgomery treten brauchen und alleine hätten wir 1989 nur die Gefängnisse noch mehr gefüllt.
Wir brauchen Geduld. Es hat lange Zeit gebraucht bis die Mauern 1989 in Deutschland fielen, es stehen noch Mauern in Israel/ Palästina, in Korea und ganz große in unseren Köpfen, wenn Menschen vorverurteilt werden als Ossis und Wessis. Wenn das Betragen einzelner pauschaliert wird und einer ganzen Bevölkerungsgruppe zugesprochen wird. So sind sie, die Wessis, wie ich es kürzlich in einer Buchlesung hören musste.
Wir brauchen Träume für unser Zukunft, politischen Verstand, Gottvertrauen und Mut zum Losgehen, Lieder und Phantasie und immer wieder Gottes guten Geist.
Wir brauchen Gottes Hilfe, aber wir können uns nicht allein auf Gott verlassen. Wenn wir nicht losgehen, um Mauern einzureißen, dann wird uns Gott auch nicht entgegen kommen.
Amen

Nov 11

Die Verwalter der Demokratie feierten sich mit möglichst weit her geladenen Gästen.
Es war ja ein schönes Fest und der Bedeutung des Tages angemessen.
Aber wo waren denn Heiko Lietz oder Ulrich v. Saß in Schwerin,
wo waren denn in Berlin Jens Reich, Ulrike Poppe, Werner Schulz, Konrad Weis,
Markus Meckel u.a. Vorkämpfer der Demokratie?
Verblasst vielleicht der eigene Ruhm, die eigene Leistung, so wohlbehütet mit stolzem Politikergehalt, die Staatsmach an seiner Seite.
Hätte wohl nicht gut ausgesehen, wenn vielleicht Heiko Lietz, der sich immer noch um die Armen und Benachteiligten in dieser Gesellschaft kümmert, an diesem Tage Unschickliches, Kritisches gesagt hätte!
Der hätte einen doch glattweg in eine prekäre Lage bringen können.
Man ist ja schließlich als Gewählter ein Erwählter, und das sollte dann doch nach außen getragen werden dürfen.
Ach ja, Biermann war ja geladen, der kann so nette kleine Schweinereien sagen oder singen, die man heimlich gern selbst gesagt hätte.
Hatte ich in Neubrandenburg noch vermutet, der kann nicht über seinen eigenen Schatten springen , auch die Leistungen Anderer mal mit freundlichen , persönlichen Worten zu würdigen, so haben mir Berlin und Schwerin gezeigt, dass es System und so gewollt ist,

Ganz anders die Presse in Neubrandenburg und weiterer Umgebung.
Mit der Sonntagsausgabe habt ihr, liebe Kollegen Redakteure und sonstigen Helfer des Nordkurier ein interessantes Stück Zeitgeschichte abgeliefert,
in dem auch die kleinen Leute des Alltags zu Worte kommen, die die die friedliche Revolution auf der Straße ausgefochten haben und durch deren nicht nachlassenden Druck die verhasste Mauer fiel.

Denkt daran liebe Mitstreiter, nicht die Politiker haben die Mauer zu Fall gebracht, es war der Mut des Volkes der DDR auf der Straße!

Gerhard Stoll

Nov 09

Am 8.11. war es nunmehr zum vierten Mal in Neubrandenburg zu einer Großdemonstration gekommen. Wieder versammelten sich Tausende in um die Johanniskirche. Anschließend ging es zum Karl-Marx-Platz. Die Reden am offenen Mikrofon waren an diesem Tag schon deutlich fordernder. Ein zentrales Thema, so erinnere ich mich, war die Reisefreiheit nicht nur am Mikrofon, sondern auf vielen mitgeführten Transparenten wurde das Thema angesprochen. Keiner der Demonstranten dachte wohl an diesem Abend daran, dass exakt 24 Stunden später die Mauer geöffnet wurde und das Ende der deutschen Teilung seinen Anfang nahm. In nur wenigen Wochen hatten die Menschen in der DDR es mit ihren friedlichen Protesten geschafft, dass die SED Führung keinen anderen Ausweg mehr wusste, als die totale Reisefreiheit auszurufen. Es war kein Versprecher von Schabowski, nein, es war der Druck der Straße, der die Maueröffnung möglich machte. Ein “System” wurde hinweggefegt und die Mauer fiel dabei zwangsläufig.
Scan10007

Nov 02

Bildschirmfoto 2009-11-02 um 18.22.56