Nov 23
Freigangtorte Stasiknast-NB

Freigangtorte Stasiknast-NB

So sah er aus der Freigangsbereich im Stasiknast in Neubrandenburg. Im Dezember 1989 sahen erstmals Vertreter der Bürgerbewegung in Neubrandenburg diesen Teil des Stasigefängnisses auf dem Neubrandenburger Lindenberg. Bei vielen ist die so genannte “Stasitorte” in nachhaltiger Erinnerung geblieben. Es bedarf keiner besonders großen Fantasie, um sich sich vorzustellen, wie unmenschlich die Bedingungen in den Gefängnissen der Staatsicherheit der DDR waren. In den 20 Jahren seit damals wurde der Knast in eine JVA umgebaut. Kaum noch etwas erinnert an das Haftregime der Staatssicherheit.

 

Nov 13

Predigt am 09.11.2009 in der St. Johanniskirche Neubrandenburg

Quelle Spiegel.de

Quelle Spiegel.de


Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie die Berichte wieder hören oder sehen, die uns vor 20 Jahren bewegt haben. Ich selbst werde davon berührt und zwar auf einer Ebene, die sich sprachlich nicht mehr mitteilen lässt. Ja es passiert etwas, das mir die Sprache verschlägt.
In mir wird etwas bewegt, das seinen Ausdruck sucht in Gefühlen. Deshalb haben wir bewusst diesen Gottesdienst auch nicht mit vielen Worten begonnen.
Wir haben die biblische Geschichte vom Einsturz der Mauern Jerichos gehört und wir haben uns erinnert an den Fall der Mauer in Deutschland vor 20 Jahren in den Tondokumenten.
So haben beide Mauern ihre Gemeinsamkeiten, sie sind ohne militärische Gewalt gefallen und ich glaube auch zutiefst, dass in beiden Geschichten, in der Geschichte von Jericho und in unserer Geschichte, Gott mitgewirkt hat. Aber dann hören die Gemeinsamkeiten in den beiden Geschichten auf. Jericho wird nach dem Fall der Mauer erobert mit einer für unser Empfinden unverhältnismäßigen Brutalität.
Israel erinnert sich in dieser Geschichte seines Weges mit Gott. Ausgrabungen in Jericho haben gezeigt, dass diese Geschichte mit allergrößter Wahrscheinlichkeit keine historischen Wurzeln in Jericho hat. Jericho war wohl längst verlassen, zu der Zeit, von der die Geschichteberichtet. Es handelt sich um eine Sage, die versucht zu erklären, wer Israel gewesen ist.
Die Israeliten haben im Exil, nach der Verbannung nach Babylon gefragt, wer sind wir, wo kommen wir her, welchen Weg ist Gott mit uns gegangen und welche Geschichte haben wir. Israel blickt auf seine Geschichte um seine gegenwärtige Identität zu finden. Es gäbe heute keine Juden mehr, wenn sich Israel nicht über Jahrhunderte und Jahrtausende seiner Geschichte bewusst geblieben wäre und sie immer wieder erzählt härte.
Wer Geschichte verdrängt verfälscht seine Gegenwart und löscht seine Zukunft. Das gilt für die Erinnerung an den 9. November 1938 genauso wie für die Erinnerung an den 9. November 1989. Wir dürfen nicht vergessen, wenn wir eine Zukunft haben wollen!
Und genau aus diesem Grunde sind wir heute hier. Um uns zu vergewissern, wer wir sind, wo wir herkommen und wohin es mit uns gehen soll.
Wir blicken nicht auf über 2000 Jahre Geschichte. Wir blicken aber auf unsere deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert und auf die Geschichte der letzten 20 Jahre und vor allem auch auf unsere eigene Geschichte.
Und weil unsere eigene Geschichte mit der jüngsten Geschichte unseres Volkes so stark verknüpft ist, weil jede Bewertung der Geschichte unbewusst immer verstanden wird als eine Bewertung meiner eigenen Geschichte, ja fast meiner Identität, fällt es uns so schwer, sachlich unsere jüngste Geschichte zu bewerten.
Die Bandbreite der Bewertung unserer Vergangenheit geht von einem Extrem ins andere. Von heimlichen oder offenen Wünschen nach der Wiederherstellung der DDR, über den leicht verklausulierten Satz, in der DDR war ja nicht alles schlecht; über eine emotional aufgeladene Debatte über den Begriff des Unrechtsstaates bis hin zu unversöhnlichen und berechtigten Anliegen der Opfer der DDR Diktatur.
Und jede Äußerung, jede Bewertung ist mit Emotionen verbunden, weil wir selbst, weil unsere eigene Geschichte, weil wir als Person in Frage gestellt werden.
Es wird noch viel Zeit brauchen, bis wir einigermaßen objektive Worte und Bewertungen des Geschehenen finden werden. Heute bleibt jede Bewertung, jede Schilderung der Ereignisse emotional belastet. Die einen werden sich von den Emotionen der Redner angesprochen fühlen, die anderen werden abgeschreckt.
Aber diese Auseinandersetzung bleibt uns nicht erspart, um unser Kinder willen, um unserer Zukunft willen, müssen wir uns erinnern an das was geschehen ist.
Wir müssen uns nicht nur daran erinnern, dass heute vor 20 Jahren eine Mauer gefallen ist und Menschen plötzlich die Möglichkeit hatten, Bekannten, Verwandten, Freunden und ganz unbekannten Menschen in den Arm zu fallen. Wir müssen uns auch daran erinnern, warum wir 1989 und schon in den Jahren davor auf die Straße und zu einhunderttausenden über die Grenze gegangen sind.
Wir müssen daran erinnern, was 1989 das Fass zum überlaufen brachte, das 1953 schon einmal stark gebrodelt hat und dessen Brodeln man durch Freiheitsberaubung zu unterbinden hoffte.
Und wenn ich von Freiheitsberaubung spreche, so meine ich nicht nur den Fakt, dass ABVs und Funktionäre darüber zu bestimmen hatte, wen von seinen Verwandten man zu welchen Anlass und ab welchem Alter sehen durfte.
Nein, die Freiheitsberaubung begann nicht an der Mauer. Sie begann in den Köpfen, als man versuchte, uns ein A für ein B vorzumachen und uns dies einzutrichtern von der Krippe an. Und wie viele von uns haben dann das B für ein A gehalten, haben zumindest darüber nachgedacht. Und wenn wir es tatsächlich nicht glauben wollten so mussten wir doch eine zweite Sprache lernen. Die Sprache, die wir in der Schule, im Betrieb, in der Öffentlichkeit sprechen durften und die Sprache, mit der wir zu Hause oder im Freundeskreis, im vertrauten Umfeld redeten.
Doch dieses Umfeld, in dem wir uns öffneten, hatte oft genug ein Loch nach Draußen. Dass wir manches Mal getäuscht wurden von den Menschen, denen wir vertrauten, im Extremfall vom eigenen Ehepartner, das ist uns in der Regel erst nach 1989 bewusst geworden.
Vorher hatten wir geglaubt oder gehofft wenigsten im Freundes- und Kollegenkreise frei zu sein.
Man hat unsere Freiheit eingeschränkt in dem man uns einsperrte, schwerwiegender war die Einschränkung der Freiheit unseres Denkens, war die Lüge mit der man jegliches selbständiges Denken zu unterbinden suchte.
Die DDR stellte sich als friedlichen und antifaschistischen Staat dar, sperrte aber die Menschen ein, die andere Vorstellungen vom Frieden hatte, man versuchte uns Kinder in Wehr- und GST Lagern und zu Militaristen zu erziehen mit einem Feindbild und einer Hetze gegen andere Menschen wie so oft in der Geschichte vorher.
Man hielt sich nicht an eigene Unterschriften der KSZE Schlussakte von Helsinki, in der Menschenrechte garantiert wurden.
Man verbot historisches Faktenwissen über die eigene Geschichte der sozialistischen Länder und deren vermeintlichen Lichtgestalten.
Man rief nach Weltfrieden und handelte heimlich mit Waffen.
Man sprach öffentlich über Umweltschutz und ging gnadenlos mit der Natur um.
Ja selbst radioaktive Strahlen kamen offiziell 1986 nicht über unsere Grenzen.
Dies alles und noch viel mehr gehörte zu den Gründen der Demonstrationen.
Dass es nicht viel zu kaufen gab, dass wir anstehen mussten, dass wir nicht so modisch gekleidet waren wie unsere Landsleute im Westen, das alles hätten wir ertragen, denn das hat uns nicht unglücklich gemacht.
Aber die Lüge, die Zweizüngigkeit, die Fessel des Geistes, die Überwachung haben das Feuer des Widerstandes entfacht.
Kleine Feuer, erst auf einzelnen Kerzen, die man schnell versuchte auszulöschen, deren Entzünder man schnell einsperrte oder abschob.
Aber die Feuer brannten auf kleinen Kerzen, still erst auf den Fensterbänken, dann in den Kirchen, später auf der Straße und dann vor den Gebäuden des MfS und der SED Kreis- und Bezirksleitungen.
Und diese kleinen Feuer, die dazugehörigen Gebete, die Füße der Menschen und die Stimmen, die plötzlich den Mut hatten zu rufen: „wir sind das Volk“, haben die Fesseln sprengen können.
Eine Mauer fiel am 9. November 1989, die die Grenzen öffnete, Grenzen die als Symbol dastehen für all die Mauern und Ketten, mit denen man uns einzusperren und zu binden versuchte.
Plötzlich und viel schneller als wir es uns in unseren kühnsten Träumen erträumen konnten waren wir frei von Willkür, Lüge und Ketten.
Aber, und jetzt komme ich in die Gegenwart, wir sind noch nicht im Paradies gelandet! Wer glaubt, dass mit der einen Lüge die Lüge aus der Welt geschaffen wurde, der täuscht sich.
Wer glaubt, mit der gewonnenen D-Mark oder dem Euro alle Freiheiten der Welt zu besitzen wird hoffentlich irgendwann einmal merken, dass man die wichtigsten Dinge im Leben nicht kaufen kann.
Wer meint, heute am Ziel zu sein ist näher an der Vergangenheit als in der Gegenwart oder gar der Zukunft.
Wer in der Vergangenheit lebt, der fängt an, die eigene Geschichte zu verklären in Museen, in Fernsehsendungen, der beschwört „die gute alte Zeit hinauf“ und merkt nicht, dass der Geist dieser Zeit mitbeschworen wird.
Das dürfen wir nicht zulassen. Wir müssen uns erinnern an unsere Geschichte und uns ihr offen und ehrlich stellen ohne Verklärung und falscher Sehnsucht.
Aber nicht damit, dass wir in eine Opferrolle schlüpfen und uns selbst beweihräuchern, was wir doch aller erdulden mussten. Sondern indem wir die Gegenwart gestalten, indem wir daran arbeiten, dass wir einer menschlicheren Welt immer näher kommen, um die Mauern, die uns heute noch umgeben zu Fall bringen.
Wenn wir die Gegenwart gestalten und in die Zukunft blicken wollen, dann brauchen wir einen offenen Umgang mit unserer Geschichte, dann müssen wir uns unserer Geschichte erinnern, wie es die Israeliten taten im Exil.
Dann brauchen wir Hoffnung. Vaclav Havel konnte sagen: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht“.
Wir brauchen Weggefährten. Ghandi hätte den Salzmarsch in Indien nicht alleine vollziehen können, M.L. King hätte nicht alleine in den Busstreik in Montgomery treten brauchen und alleine hätten wir 1989 nur die Gefängnisse noch mehr gefüllt.
Wir brauchen Geduld. Es hat lange Zeit gebraucht bis die Mauern 1989 in Deutschland fielen, es stehen noch Mauern in Israel/ Palästina, in Korea und ganz große in unseren Köpfen, wenn Menschen vorverurteilt werden als Ossis und Wessis. Wenn das Betragen einzelner pauschaliert wird und einer ganzen Bevölkerungsgruppe zugesprochen wird. So sind sie, die Wessis, wie ich es kürzlich in einer Buchlesung hören musste.
Wir brauchen Träume für unser Zukunft, politischen Verstand, Gottvertrauen und Mut zum Losgehen, Lieder und Phantasie und immer wieder Gottes guten Geist.
Wir brauchen Gottes Hilfe, aber wir können uns nicht allein auf Gott verlassen. Wenn wir nicht losgehen, um Mauern einzureißen, dann wird uns Gott auch nicht entgegen kommen.
Amen

Okt 26
Demonstration 25.10.1989 Karl-Marx-Platz

Demonstration 25.10.1989 Karl-Marx-Platz

Am 25.Oktober 1989 fand wiederum an ein Friedensgebet in der Johanniskirche ein “Marsch der Hoffnung” statt. Was genau an diesem Tag geschah, geht detailreich aus einem Bericht der Kreisdienststelle der Stasi hervor. In diesem Bericht heißt es: “… Um 17.00 Uhr begann pünktlich das “Friedensgebet” in der Johnniskirche Neubrandenburg. Teilnehmer: – in der Kirche ca. 1000 vor dem Kirchplatz zu dieser Zeit ca. 5000 bis 6000 Personen. … Um 17.32 wurde das “Friedensgebet” beendet mit anschließender Formierung der Personen zum Marsch der Hoffnung. Dieser Marsch führte von der Johanniskirche über die Thälmannstraße, Friedrich-Engels-Ring, Gr. Wollweberstraße, Dr.-Otto-Nuschke-Str., Treptower Str. auf den Karl-Marx-Platz. … Am “Marsch der Hoffnung” nahmen insgesamt 15.000 bis 20.000 Personen teil, die sich während des “Friedensgebetes” von 17.00 -17.32 Uhr auf dem Kirchenvorplatz bzw. im Bereich der E.-Thälmann-Str. angesammelt hatten. Durch 30 % der Personen wurden brennende Kerzen mitgeführt. Das Durchschnittsalter betrug ca. 25 bis 40 Jahre. … Um 18.17 Uhr erreichte das Ende des Marsches den Karl-Marx-Platz. Zu dieser Zeit waren dort bereits ca. 5000 Personen versammelt (überwiegend positive Bürger).”
Der Chronist versäumt es nicht, genau zu vermerken, welches die Aufschriften auf den mitgeführten Plakaten waren und das Sprechchöre “Deutschland, Deutschland”, “Schließt Euch an” und “Stasi in die Volkswirtschaft” gerufen wurden, ohne eine breite Massenbasis zu finden.
Zu dem was auf dem Karl-Marx-Platz geschah erfahren wir aus dem Stasibericht dann Folgendes: “Der Dialog begann mit kurzen Ausführungen des Oberbürgermeisters von Neubrandenburg. Seine Ausführungen waren teilweise begleitet durch Pfiffe und Zwischenrufe, die sich deutlich erkennbar auf konkrete Passagen bezogen. Z.B. Zwischenrufe: “Wahlbetrug” bei Ausführungen zur Wahl der Volksvertreter. Bei den anschließenden Ausführungen des Gen. Chemnitzer waren analoge Aktivitäten erkennbar. Z.B. Zwischenrufe “Wir sind das Volk” bzw. Ausrollen eines 25- m -Transparentes mit der Aufschrift: “Neues Forum”.
Dann folgt eine Aufzählung der anderen Sprecher an diesem Abend: Frau Heidemarie Boeck für die evangelische Kirche, Herr Martin Kruse als Vertreter einer Gruppe, Herr Vonhold als amt. Vorsitzender des Bezirksvorstandes der CDU und Herr Wolter für die katholische Kirche. Hierzu merkt der Stasi-Chronist an: “Diesen Teil der Veranstaltung verfolgten die anwesenden Personen aufmerksam bei mehrmaligen Zwischenrufen: “Neues Forum”.
Offensichtlich hatten die verantwortlichen Genossen geplant, die Demonstranten durch ihre massive Präsenz auf dem Karl-Marx-Platz einzuschüchtern. Aber die Zahl der versammelten “positiven Bürger” nahm sich gegen den gewaltigen Zug der Demonstranten eher kläglich aus.
Auszug aus dem Bericht der Stasi vom 25.10.1989

Auszug aus dem Bericht der Stasi vom 25.10.1989

Okt 07

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Es war eine wirklich gelungene Veranstaltung, auf der Freya Klier ihr neustes Essay las und im Anschluss den Gästen freimütig Rede und Antwort stand. Beeindruckend war, wie authentisch und glaubwürdig ihr Vortrag und die Beantwortung der Fragen daher kamen. Auch wenn sich nicht jeder im Publikum mit dem Gesagten anfreunden wollte, blieb eines zurück – das Bild einer starken Frau mit einer beachtlichen Lebensleistung und großen Verdiensten um die friedliche Revolution im Herbst 1989. Und das, trotzdem sie zu diesem Zeitpunkt aus der DDR ausgebürgert war.

Okt 06
Foto: Hans-Jürgen Schulz

Foto: Hans-Jürgen Schulz

Erinnern für die Zukunft

Als am Vormittag des 18.10.1989 die Pastoren Ullrich von Saß und Winfried Schiemann vereinbarten, dass es im Anschluss an das Friedensgebet in der Johanniskirche  ein Schweigemarsch durchgeführt werden kann, konnte wohl niemand erahnen, dass an diesem Abend sich über 4.000 Menschen auf dem Kirchenvorplatz der katholischen Kirche drängen würden. Eingezwängt zwischen den Treppenstufen zur Kirche und einer tiefen Baugrube, die erst vor kurzem für den Neubau des Pfarrhauses ausgehoben worden war. Die Menschenmasse war diszipliniert aber zugleich unruhig. War das, was sie soeben erlebt hatten Wirklichkeit? Erst am Nachmittag hatte es sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen und Pastor von Saß hatte es im Informationsteil des Friedensgebetes bestätigt – Erich Honecker war zurückgetreten. Sein Nachfolger als neuer SED Chef, Egon Krenz hatte verkündet, er wolle eine „Wende“ einleiten. Dann diese unglaubliche Menge an Menschen in und um die altehrwürdige Johanniskirche. 1.500 Menschen in der Kirche und draußen 1.000, die keinen Platz gefunden hatten und das an einem Mittwoch um 17:00 Uhr. Ein Chronist schrieb dazu „ …(die Johanniskirche war) so voll, wie wohl noch nie in ihrer Geschichte“. Kein Mensch konnte mit einem solchen Ansturm, in der wohl „kommunistischsten“ Bezirksstadt rechnen. Waren es doch am Mittwoch zuvor nur knapp 400 Menschen die sich in der Johanniskirche zum Friedensgebet versammelten.  Die Masse auf dem Vorplatz der katholischen Kirche war unruhig, weil der Demonstrationszug, vorbei an Polizeizentrale, SED Parteizentrale, und Staatssicherheit bis hin zur katholischen Kirche, auf weit über 4.000 Menschen angeschwollen war und niemand von Staat und Regierung etwas dagegen unternahm. Nur ein schnell heran gebrauster Wartburg der Polizei sperrte mit einigen Polizisten den Ring an der Turmstraße ab, was bei dieser Menge Menschen aber nicht wirklich nötig war.

Viele in der auf dem Vorplatz versammelten Menge fragen sich: Sollte es wirklich so einfach sein, in diesem allmächtigen Staat eine illegalen Demonstration durchzuführen? Reichte es aus, dieser Demonstration nur den Namen „Weg der Hoffnung“ zu geben und von einer Kirche zur anderen zu marschieren? Was wird jetzt hier passieren?  Pfarrer Schiemann betritt den Balkon – die Masse schweigt – ohne Mikrofon, mit gewaltiger Stimme fordert er dazu auf, das „Vaterunser“ zu beten. Nur wenige beten, viele murmeln, die meisten lauschen still dem Gebet, weil sie es nicht kennen. Danach bedankt er sich für das Kommen, wünscht einen friedlichen Heimweg und spendet den Segen. „Wie, das soll alles gewesen sein?“ Es regt sich Unmut. Was die Demonstranten nicht wissen ist, die Pastoren Martins, Schiemann und von Saß hatten am Nachmittag mit staatlichen Stellen verhandelt und zugesagt den erwarteten Demonstrationszug in „ruhige Bahnen“ zu lenken und im Gegenzug erreicht, dass die Einsatzkräfte der Polizei sich so weit wie möglich zurückziehen. Augenzeugen berichten später, mehrere Hundertschaften bewaffneter Polizisten und Wasserwerfer hätten sich in den Wiesen an der verlängerten Jahnstraße zum Eingreifen bereit gehalten.

Was damals vielleicht etwas unpatriotisch anmutete, war eine kluge Entscheidung, nämlich die Masse nicht aufzuheizen, sondern mit Gebet und Segen zu beruhigen. Auf dem Rückweg von der  Demo stellten viele ihre Kerzen und einige auch die wenigen mitgebrachten Transparente an der SED-Parteischule auf. In diesem Gebäude saßen wohl zeitgleich die Spitzen der Neubrandenburger SED, etwas ängstlich, in der Sauna zusammen, wird aus verlässlicher Quelle berichtet.

Eine Woche später kam es bereits zur mächtigsten Demonstrationen mit fast 40.000 Menschen auf dem „Karl-Marx-Platz“, wieder im Anschluss an ein Friedensgebet. Alles blieb auch hier friedlich. Vor einigen Tagen schrieb Gerhard Stoll, der damalige Sprecher des Neuen Forum, „Von der Johanniskirche zur katholischen Kirche sollte der Marsch gehen, um den Menschen Mut zu machen und Ihnen zu zeigen, dass die Kirchen Träger und Beschützer der Bewegung sind.“

Am 18.10.2009 soll diesem Ereignis vor 20 Jahren gedacht werden. Um 19:00 Uhr wird in der Johanniskirche ein Friedensgebet stattfinden bei dem auch einige Akteure von damals zu Wort kommen sollen. Vielleicht finden sich im Anschluss an dieses Friedensgebet genügend Leute zusammen um nochmal gemeinsam den „Weg der Hoffnung“ zu gehen. Hoffnung und Frieden brauchen die Menschen auch heute, Unglaubliches in Gang setzen kann man zu jeder Zeit.

Sep 30

Heute vor 20 Jahren gab es einen der bewegendsten und zugleich den weiteren Verlauf der Geschichte stark beeinflussenden Tag. Seit Wochen waren tausende DDR-Bürger die Prager Botschaft geflohen. Über die Gründe der Einzelnen werden später viele Geschichten erzählt werden. Kaum jemand erzählt jedoch die Geschichten derjenigen, die diesen Weg nicht gingen und in der DDR blieben. Was machte dieser Tag mit den Menschen in der DDR? Sehr vielen wurde wohl im Moment der Rede von Dietrich Genscher auf dem Balkon der Prager Botschaft bewusst, dass es so nicht weitergehen konnte. Man konnte nicht mehr darauf vertrauen, dass sich die Dinge in geordnete Bahnen bewegen werden. Es entstand die Überzeugung nur noch die Wahl zu haben, zwischen sich verschärfender Repression oder Wiederstand. Ich glaube, viele Menschen in der DDR haben an diesem Abend ihre Entscheidung getroffen, sich zu wehren. Nur so ist zu erklären, was in den nächsten Tagen passierte. Tausende Menschen gehen auf die Straße um zu protestieren und es werden trotz massiven Einsatzes der Polizei in Dresden, Karl-Marx-Stadt und Berlin täglich mehr. Der Ausblick drauf, der dämliche Rest (DDR) zu bleiben besiegte ihre Angst vor der Staatsmacht.

Jul 22

Legende zum Flugblatt DEMONSTRATION am 04.12.1989:Plakat zur Demo

Eigenhändig geschrieben mit der “Ato – Feder” nach Feierabend im Wohnungsbaukombinat Neubrandenburg.
Vervielfältigt am volkseigenen Kopierer im WBK, irgendwann hatte Irgendwer das Netzkabel (im Auftrag?) weggeschlossen.
Angezweckt mit Reißzwecken an Bäumen und Masten vorwiegend in der Innenstadt, meist am späten Abend.
Durch irgend welche unbekannte Personen teilweise wieder abgerissen
Bei erneuter Fahrradrunde Flugblätter wieder angebracht.
Nächsten Morgen wie immer von 6.45 – 16.15 Uhr im VEB für den Sozialismus gearbeitet und rechtzeitig um 17.00 Uhr (immer schön nach Feierabend) zur Demo => es war auch eine Revolution nach Feierabend!
Dank an alle Kollegen (Herrmann, Ralf, Peter, Detlef und wie ihr alle heißt), die in jener Zeit wussten, was ich tat und in meiner Abwesenheit für mich mit arbeiteten.

Jul 08

Aus der Geheimen Verschlusssache (MfS 008 -100/76) zu Formen, Mitteln und Methoden der Zersetzung (Seite 47 und 48).

„Zersetzungsmaßnahmen können sich sowohl gegen Gruppen, Gruppierungen und Organisationen als auch gegen einzelne Personen richten und als relativ selbständige Art des Abschlusses Operativer Vorgänge oder im Zusammenhang mit anderen Abschlußarten angewandt werden. …

… Bewähret anzuwendende Formen der Zersetzung sind:

systematische Diskreditierung des öffentlichen Rufes, des Ansehens und des Prestiges auf Grundlage miteinander verbundener wahrer, überprüfbarer und diskreditierender sowie unwahrer, glaubhafter, nicht widerlegbarer und damit ebenfalls diskreditierender Angaben;

systematische Organisierung beruflicher und gesellschaftlicher Mißerfolge zur Untergrabung des Selbstvertrauens einzelner Personen;

zielstrebige Untergrabung von Überzeugungen im Zusammenhang mit bestimmten Idealen, Vorbildern usw. und die Erzeugung von Zweifeln an der persönlichen Perspektive;

Erzeugung von Mißtrauen und gegenseitige Verdächtigungen innerhalb von Gruppen, Gruppierungen und Organisationen;

Erzeugung bzw. Ausnutzung und Verstärken von Rivalitäten innerhalb von Gruppen, Gruppierungen und Organisationen durch zielgerichtete Ausnutzung persönlicher Schwächen einzelner Mitglieder;

Beschäftigung von Gruppen, Gruppierungen und Organisationen mit ihren internen Problemen mit dem Ziel der Einschränkung ihrer feindlich-negativen Handlungen;

örtliches und zeitliches Unterbinden bzw. Einschränken der gegenseitigen Beziehungen der Mitglieder einer Gruppe, Gruppierung oder Organisation auf der Grundlage geltender gesetzlicher Bestimmungen, z.B. durch Arbeitsplatzbindung, Zuweisung örtlich entfernt liegender Arbeitsplätze usw.

…“

Jul 08
Foto: Hans-Jürgen Schulz

Foto: Hans-Jürgen Schulz

Wer kennt noch die Geschichte, die zu diesem Plakat führte?

Jul 07
demo-25.10.89-nbdbg0001

Foto: Hans-Jürgen Schulz

Demonstrationszug vom 25.10.1989 auf Höhe der Treptower Straße. Es wäre schön, wenn sich Menschen bei uns melden würden, die sich auf dem Foto erkenne. Uns interessiert ihre Geschichte. Was haben sie damals für Hoffnungen, Wünschen und Begehrlichkeiten gehabt? Wohin hat sie das Schicksal verschlagen? Wie sehen sie sich heute, fast 20 Jahre nach diesem Datum?