Nov 09

Am 8.11. war es nunmehr zum vierten Mal in Neubrandenburg zu einer Großdemonstration gekommen. Wieder versammelten sich Tausende in um die Johanniskirche. Anschließend ging es zum Karl-Marx-Platz. Die Reden am offenen Mikrofon waren an diesem Tag schon deutlich fordernder. Ein zentrales Thema, so erinnere ich mich, war die Reisefreiheit nicht nur am Mikrofon, sondern auf vielen mitgeführten Transparenten wurde das Thema angesprochen. Keiner der Demonstranten dachte wohl an diesem Abend daran, dass exakt 24 Stunden später die Mauer geöffnet wurde und das Ende der deutschen Teilung seinen Anfang nahm. In nur wenigen Wochen hatten die Menschen in der DDR es mit ihren friedlichen Protesten geschafft, dass die SED Führung keinen anderen Ausweg mehr wusste, als die totale Reisefreiheit auszurufen. Es war kein Versprecher von Schabowski, nein, es war der Druck der Straße, der die Maueröffnung möglich machte. Ein “System” wurde hinweggefegt und die Mauer fiel dabei zwangsläufig.
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Okt 06
Foto: Hans-Jürgen Schulz

Foto: Hans-Jürgen Schulz

Erinnern für die Zukunft

Als am Vormittag des 18.10.1989 die Pastoren Ullrich von Saß und Winfried Schiemann vereinbarten, dass es im Anschluss an das Friedensgebet in der Johanniskirche  ein Schweigemarsch durchgeführt werden kann, konnte wohl niemand erahnen, dass an diesem Abend sich über 4.000 Menschen auf dem Kirchenvorplatz der katholischen Kirche drängen würden. Eingezwängt zwischen den Treppenstufen zur Kirche und einer tiefen Baugrube, die erst vor kurzem für den Neubau des Pfarrhauses ausgehoben worden war. Die Menschenmasse war diszipliniert aber zugleich unruhig. War das, was sie soeben erlebt hatten Wirklichkeit? Erst am Nachmittag hatte es sich wie ein Lauffeuer herumgesprochen und Pastor von Saß hatte es im Informationsteil des Friedensgebetes bestätigt – Erich Honecker war zurückgetreten. Sein Nachfolger als neuer SED Chef, Egon Krenz hatte verkündet, er wolle eine „Wende“ einleiten. Dann diese unglaubliche Menge an Menschen in und um die altehrwürdige Johanniskirche. 1.500 Menschen in der Kirche und draußen 1.000, die keinen Platz gefunden hatten und das an einem Mittwoch um 17:00 Uhr. Ein Chronist schrieb dazu „ …(die Johanniskirche war) so voll, wie wohl noch nie in ihrer Geschichte“. Kein Mensch konnte mit einem solchen Ansturm, in der wohl „kommunistischsten“ Bezirksstadt rechnen. Waren es doch am Mittwoch zuvor nur knapp 400 Menschen die sich in der Johanniskirche zum Friedensgebet versammelten.  Die Masse auf dem Vorplatz der katholischen Kirche war unruhig, weil der Demonstrationszug, vorbei an Polizeizentrale, SED Parteizentrale, und Staatssicherheit bis hin zur katholischen Kirche, auf weit über 4.000 Menschen angeschwollen war und niemand von Staat und Regierung etwas dagegen unternahm. Nur ein schnell heran gebrauster Wartburg der Polizei sperrte mit einigen Polizisten den Ring an der Turmstraße ab, was bei dieser Menge Menschen aber nicht wirklich nötig war.

Viele in der auf dem Vorplatz versammelten Menge fragen sich: Sollte es wirklich so einfach sein, in diesem allmächtigen Staat eine illegalen Demonstration durchzuführen? Reichte es aus, dieser Demonstration nur den Namen „Weg der Hoffnung“ zu geben und von einer Kirche zur anderen zu marschieren? Was wird jetzt hier passieren?  Pfarrer Schiemann betritt den Balkon – die Masse schweigt – ohne Mikrofon, mit gewaltiger Stimme fordert er dazu auf, das „Vaterunser“ zu beten. Nur wenige beten, viele murmeln, die meisten lauschen still dem Gebet, weil sie es nicht kennen. Danach bedankt er sich für das Kommen, wünscht einen friedlichen Heimweg und spendet den Segen. „Wie, das soll alles gewesen sein?“ Es regt sich Unmut. Was die Demonstranten nicht wissen ist, die Pastoren Martins, Schiemann und von Saß hatten am Nachmittag mit staatlichen Stellen verhandelt und zugesagt den erwarteten Demonstrationszug in „ruhige Bahnen“ zu lenken und im Gegenzug erreicht, dass die Einsatzkräfte der Polizei sich so weit wie möglich zurückziehen. Augenzeugen berichten später, mehrere Hundertschaften bewaffneter Polizisten und Wasserwerfer hätten sich in den Wiesen an der verlängerten Jahnstraße zum Eingreifen bereit gehalten.

Was damals vielleicht etwas unpatriotisch anmutete, war eine kluge Entscheidung, nämlich die Masse nicht aufzuheizen, sondern mit Gebet und Segen zu beruhigen. Auf dem Rückweg von der  Demo stellten viele ihre Kerzen und einige auch die wenigen mitgebrachten Transparente an der SED-Parteischule auf. In diesem Gebäude saßen wohl zeitgleich die Spitzen der Neubrandenburger SED, etwas ängstlich, in der Sauna zusammen, wird aus verlässlicher Quelle berichtet.

Eine Woche später kam es bereits zur mächtigsten Demonstrationen mit fast 40.000 Menschen auf dem „Karl-Marx-Platz“, wieder im Anschluss an ein Friedensgebet. Alles blieb auch hier friedlich. Vor einigen Tagen schrieb Gerhard Stoll, der damalige Sprecher des Neuen Forum, „Von der Johanniskirche zur katholischen Kirche sollte der Marsch gehen, um den Menschen Mut zu machen und Ihnen zu zeigen, dass die Kirchen Träger und Beschützer der Bewegung sind.“

Am 18.10.2009 soll diesem Ereignis vor 20 Jahren gedacht werden. Um 19:00 Uhr wird in der Johanniskirche ein Friedensgebet stattfinden bei dem auch einige Akteure von damals zu Wort kommen sollen. Vielleicht finden sich im Anschluss an dieses Friedensgebet genügend Leute zusammen um nochmal gemeinsam den „Weg der Hoffnung“ zu gehen. Hoffnung und Frieden brauchen die Menschen auch heute, Unglaubliches in Gang setzen kann man zu jeder Zeit.

Sep 30

Heute vor 20 Jahren gab es einen der bewegendsten und zugleich den weiteren Verlauf der Geschichte stark beeinflussenden Tag. Seit Wochen waren tausende DDR-Bürger die Prager Botschaft geflohen. Über die Gründe der Einzelnen werden später viele Geschichten erzählt werden. Kaum jemand erzählt jedoch die Geschichten derjenigen, die diesen Weg nicht gingen und in der DDR blieben. Was machte dieser Tag mit den Menschen in der DDR? Sehr vielen wurde wohl im Moment der Rede von Dietrich Genscher auf dem Balkon der Prager Botschaft bewusst, dass es so nicht weitergehen konnte. Man konnte nicht mehr darauf vertrauen, dass sich die Dinge in geordnete Bahnen bewegen werden. Es entstand die Überzeugung nur noch die Wahl zu haben, zwischen sich verschärfender Repression oder Wiederstand. Ich glaube, viele Menschen in der DDR haben an diesem Abend ihre Entscheidung getroffen, sich zu wehren. Nur so ist zu erklären, was in den nächsten Tagen passierte. Tausende Menschen gehen auf die Straße um zu protestieren und es werden trotz massiven Einsatzes der Polizei in Dresden, Karl-Marx-Stadt und Berlin täglich mehr. Der Ausblick drauf, der dämliche Rest (DDR) zu bleiben besiegte ihre Angst vor der Staatsmacht.

Sep 20

Foto Nordkurier 16.10.2009

Foto Nordkurier 16.10.2009

Um 19.00 Uhr erwarteten Gerhard Stoll und weiter Vertreter der Initiativgruppe “Augenzeuge 89″ Aktivisten der ersten Stunden des Herbstes 1989. Insgesamt erschienen noch 13 weitere Aktivisten in der Winterkirche, um ihre Gedanken an den Beginn der friedlichen Revolution vor 20 Jahren auszutauschen und Ideen für eine Gedenkveranstaltung am 18.10.2009 zu sammeln. Besonders erfreut waren die Zeitzeugen darüber, dass, anders als vor zwanzig Jahren, auch Journalisten zu dem Treffen erschienen waren (der Norkurier berichtet in seiner Ausgabe am 18.9. über das Ereignis).
Bilder von den Demonstrationen des Herbstes`89 und im Hintergrund das Erkennungslied der Friedensgebete „Ich wünsch mir ein Haus“ brachten einen Hauch der damaligen Atmosphäre in die Runde.
Den Teilnehmern wurde das Hauptanliegen der Initiativgruppe „Augenzeuge89“ und die geplanten Aktivitäten vorgestellt. Es wurde um Mithilfe beim Zeitzeugenprojekt an den Neubrandenburger Schulen und bei der Erstellung einer Denkschrift geworben.
Besonders bewegend waren die Ausführungen von Bettina Kalisch, die das Geschehen vor 20 Jahren wieder spürbar werden ließen. Vielen Dank an Manfred Zühlke, der seine 400 Seiten umfassende Niederschrift von den damaligen Ereignissen für das Projekt zur Verfügung stellen will.
In der anschließenden, lebhaft geführten, Diskussion wurden die Aktivitäten der Augenzeugen89 ausdrücklich begrüßt. Mit Einzelgesprächen und viel Freude über das Wiedersehen klang der Abend aus.

Aug 10

Die Gedanken sind frei
Bei der Durchsicht der Dokumente fiel ein kleiner Handzettel auf mit der Überschrift “Lied der Friedensgebete in Neubrandenburg”. Der Liedermacher, Ingo Barz, hatte für das alte Studentenlied: “Die Gedanken sind frei” einen neuen Text geschrieben, der die Lebensgefühle der Menschen in der DDR in der damaligen Zeit ausdrückte.
Es ist bemerkenswert, dass die Themen Umwelt, Globalisierung und persönlicher Egoismus schon damals als so wichtig angesehen wurden, um Eingang in diese Strophen zu finden und emphatisch mitgesungen wurden:

Ich denk´mir ein Haus aus Reimen und Noten,
wo keinem der Aus- und Eintritt verboten.
Die Türen steh´n offen für alle, die hoffen.
Wer will komm´herbei, die Gedanken sind frei.

Ich denk´mir ein Land mit tiefgrünen Wäldern,
mit sauberem Strand und kornschweren Feldern,
wo See, Fluss und Tümpel frei sind von Gerümpel,
von Stickstoff und Blei, wo Gedanken sind frei.

Ein Volk denk´ich mir, das nicht schon erblindet,
beim Geldzählen hier nur Seligkeit findet,
das Mut hat zum streiten, wo auch Minderheiten
sich finden dabei und Gedanken sind frei.

Ich denk´mir die Welt mit Tischen für jeden,
ein freundliches Zelt zum Essen und Reden,
kein Hunger, kein Schweigen, ein fröhlicher Reigen
und Menschlichkeit sei, und Gedanken sind frei.

Ich denk´mir ein Lied aus Güte und Klarheit,
das, wo es geschieht, im Anspruch auf Wahrheit
nicht hart und verbittert die Hirne vergittert,
das ohne Geschrei die Gedanken lässt frei.

Jul 30

Einladung SED

Legende zur Einladung Chemnitzer an Stoll vom 25.10.1989

Am 25.10.1989 fand das 3. Friedensgebet in Neubrandenburg mit anschließender Demonstration um den Ring zum Karl-Marx-Platz statt.
Die etwa 30.000 Demonstranten überfluteten den Platz und drängten das armselige Häuflein der von der Partei bestellten Statisten dicht um das vom Herrn Chemnitzer krampfhaft verteidigte Mikrofon.
Von dessen oft von Buh – Rufen, Pfiffen und Gelächter unterbrochen Rede
ist mir heute eigentlich nur noch die Drohung im Gedächtnis: „…. wenn Sie mich nicht weiter reden lassen, dann können wir auch anders!“ à das war eine eindeutige Drohung mit der Gewalt.
Auf der Demo sprachen wie bekannt die Vertreter der Kirchen und der neuen Bewegungen.
Nach dem offiziellen Ende der Demo standen noch stundenlang Gruppen auf dem Platz und diskutierten.
Die Demonstranten hatten die mitgeführten Kerzen auf dem Platz oft zu Kreisen zusammengestellt und zu Ende brennen lassen.
Noch am 25.10. nach der Demo kam gegen 22.30 Uhr ein Bote zu mir nach Hause und klingelte an der verschlossenen Haustür.Meine Frau forderte ihn vom Fenster im 1. Stock auf, sich vorzustellen und den Grund seines Klingelns zu nennen.
Er sei Bote des 1. Sekretärs der Bezirksleitung der SED, Johannes Chemnitzer und habe eine Einladung zu einem Gespräch am nächsten Tag.
Ich nahm eine Taschenlampe und dieses Mal nicht den abgesägten Schippenstiel neben der Tür mit und öffnete Herrn J. die Tür, um den Brief in Empfang zu nehmen.
Von dem Gespräch am 26.10.1989 bei Herrn Chemnitzer sollte eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht werden.
Die dem Herrn 1. Sekretär für ihre Arbeit in der Bürgerbewegung bekannten Neubrandenburger Ulrich von Saß, Martin Fritz, Alfred Dohndorf und Gerhard Stoll hatten sich zwar zuvor abgestimmt, aber eine gemeinsame Erklärung im kleinen Stübchen wollten wir mit diesen Herren nicht unterzeichnen, das hätten wir als Verrat an der eigenen Sache gesehen.
In totaler Verkennung der Lage bot Herr Chemnitzer dem NEUEN FORUM an, doch der Nationalen Front beizutreten, da die ja die Interessen des ganzen Volkes vertritt.
Ulrich von Saß stellte dem ersten Sekretär in dem Gespräch die Frage, ob er denn wüsste, dass er an diesem Tage an einer ungenehmigten Demonstration teilgenommen habe.
Verwirrung auf der Seite des Einladenden und der Versuch uns von weiteren Demonstrationen abzuhalten bestärkten uns dann in der Meinung „Wir demonstrieren auf der Straße solange, bis unsere Forderungen nach einer Erneuerung der gesamten Gesellschaft unumkehrbar sind“
Diese Einladung war der einzige und letzte hilflose Versuch der SED – Führung des Bezirkes Neubrandenburg, die machtvollen Demonstrationen zu unterbinden.

Jul 22

Legende zum Flugblatt DEMONSTRATION am 04.12.1989:Plakat zur Demo

Eigenhändig geschrieben mit der “Ato – Feder” nach Feierabend im Wohnungsbaukombinat Neubrandenburg.
Vervielfältigt am volkseigenen Kopierer im WBK, irgendwann hatte Irgendwer das Netzkabel (im Auftrag?) weggeschlossen.
Angezweckt mit Reißzwecken an Bäumen und Masten vorwiegend in der Innenstadt, meist am späten Abend.
Durch irgend welche unbekannte Personen teilweise wieder abgerissen
Bei erneuter Fahrradrunde Flugblätter wieder angebracht.
Nächsten Morgen wie immer von 6.45 – 16.15 Uhr im VEB für den Sozialismus gearbeitet und rechtzeitig um 17.00 Uhr (immer schön nach Feierabend) zur Demo => es war auch eine Revolution nach Feierabend!
Dank an alle Kollegen (Herrmann, Ralf, Peter, Detlef und wie ihr alle heißt), die in jener Zeit wussten, was ich tat und in meiner Abwesenheit für mich mit arbeiteten.

Jul 16

Die erste öffentliche Aktion des Herbstes `89 in Neubrandenburgkerze

Die erste öffentlichkeitswirksame Initiative des Friedenskreises der evangelischen Kirche im Herbst `89 war die „Kerze der Hoffnung“.
Am Abend vom 6. zum 7. Oktober sollte als Zeichen der Hoffnung auf eine
für das Volk positive Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR eine Kerze ins Fenster gestellt werden.

Durch Mund-zu-Mund-Propaganda war ausgehend von der Kirche die Information unter die Leute gebracht worden.
Einen Teil meiner Arbeitskollegen hatte ich aufgefordert, bei dieser harmlosen Aktion mitzumachen.

Für mich war dieses Datum in mehrfacher Hinsicht bedeutend.
An diesem Wochenende wurde für meinen Sohn Torsten in den Kirchen Neubrandenburgs gebetet.
Er saß in der Strafvollzugsanstalt Leipzig – Rackwitz seit 10 Monaten wegen versuchter Republikflucht.
Gleichzeitig hatte ich über Kirche, Freunde und Verwandte eine Postkartenaktion an seine Adresse im Knast organisiert.

Am Abend des 6. Oktobers ging ich dann mit Frau und Sohn Wolfgang durch das Vogelviertel, um zu sehen, wie viele denn den Mut zu diesem kleinen Zeichen der Hoffnung der Kerze im Fenster hatten.
Es waren nicht viele, aber unser Fenster war wenigstens nicht das einzige mit Kerze.

Lange nach der Wende erzählten mir zwei der ehemaligen Arbeitskollegen,
dass sie in dieser Zeit nicht den Mut hatten, wenigstens dieses kleine Zeichen zu setzen.
Andere Stammtischrevolutionäre aus DDR-Zeit und Dauergegner des Systems hatten ganz vergessen, an der friedlichen Revolution teilzunehmen.

Und mit der Öffnung der Mauer am 9. November `89 war ja dann plötzlich alles anders, von diesem Datum an war der Zusammenbruch der sozialistischen Gesellschaft in der DDR nicht mehr aufzuhalten.

Die Fluchtmöglichkeit in den Westen bestand ja jetzt für jeden, der sich gegen Partei und Regierung engagierte und das Risiko um die eigene Freiheit, die Gesundheit oder gar das Leben bestand nicht mehr.
Deshalb ist dieses Datum für mich ein wichtiger Prüfstein bei der Bewertung des politischen Engagementes einzelner Nachwendepolitiker.

Jul 14

Vortag Himmelfahrt 1964
Mein Freund Rudi und ich fahren nach Tessin – wir wollen mit unserem ehemaligen Kaplan Skat spielen – wie jedes Jahr zum „Herrentag“. Also mit dem Zug nach Rostock – in die Bahnhofsgaststätte und von dort sollen wir abgeholt werden, so ist es geplant.
Wir sitzen am Tisch, essen und trinken (wohl eher keine rote Brause) als sich ein älterer, offenbar verunfallter Mann (stark bandagiert) zu uns setzt – höflich, nett.
Er weiß von unseren Kolping-Abzeichen, dass wir katholisch sind, gibt sich auch als katholischer Christ zu erkennen, zeigt uns als Beweis seiner Treue zur Kirche einen Brief des Prälaten aus Güstrow, der ihm geschrieben habe … und schon sind wir in ein Gespräch verwickelt. Später wird uns bewusst: Ein politisch sehr brisantes Gespräch, sicherlich mit Verleumdungen und so genannter Staatshetze angereichert.
Plötzlich: Zwei junge Männer kommen an unseren Tisch, fragen nicht sondern setzen sich, pöbeln uns an und einer der Beiden legt frech seinen Arm um die Schulter unseres „Tischgenossen“. Mein Freund Rudi und ich werden ungehalten, drohen mit dem Kellner und prompt verschwindet einer der Beiden, der andere gibt seine „Umarmung“ nicht auf.
Aus sicherer Entfernung macht der andere Mann Zeichen, jemand möge zu ihm kommen. Ich gehe skeptisch hin und dann nur ein Satz: Ihr sitzt mit einem stadtbekannten Greifer der Stasi am Tisch, der euch sicherlich an den Abzeichen erkannt hat – verschwindet und lasst euch in den nächsten Stunden in Bahnhofsnähe nicht mehr sehen. Mein Freund hält den Greifer noch fest – haut ab. (So sinngemäß). Wir hauten nicht ab – wir flüchteten.
Leider wissen wir bis heute nicht die Namen unserer „Schutzengel“ – sehr schade!

So erlebte ich das MfS als ganz junger Mann. Ich bin mit Sicherheit kein Held – habe keine Ahnung, was passiert wäre, wenn die Stasi mich (und meinen Freund) gegriffen und uns einige Zeit „Gastfreundschaft“ gewährt hätte.

Jul 14

September 1959 – Adolf-Hennecke-Berufsschule
Klassenlehrer Bruno R. wirbt pflichtgemäß für die „Junge Welt“ – normal, denn fast alle Lehranfänger sind Mitglied der FDJ und logisch: Die FDJ-Zeitung wird bestellt.
„Dieses Lügenblatt bestelle ich nicht“ – so meine unbedachte, sehr ehrlich Reaktion vor der Klasse. Einem 16 – jährigen normalerweise verzeihbar.
(Hintergrund: meine Schwester hatte die „JW“ vor einiger Zeit abbestellt, weil in ihr die Rede des Papstes zum Katholikentag 1958 in Berlin als „Kriegshetzerrede“ verunglimpft wurde).
Bruno R. verhielt sich nicht pflichtgemäß, denn pflichtgemäß hätte bedeutet: Anzeige dieser „ungeheuren Verleumdung“. Er beschwor mich zu sagen, ich habe mit dieser Feststellung nur das eine Vorkommnis auf dem Katholikentag gemeint. Das tat ich.Dieses Zurückrudern hätte aber beim “Auffliegen“ des Zitates keine „mildernden Umstände“ bedeutet, weder für Bruno R. noch für mich.
Der Klassenlehrer hat mich wohl vor erheblichen Konsequenzen bewahrt und sich – das war ihm wohl auch bewusst – in ziemlich große Gefahr begeben. Es hätte nur ein Schüler meine Äußerung ganz ahnungslos weitererzählen brauchen und schon wäre die Stasimaschinerie in Gang gesetzt worden. Bruno R. wäre wohl mit Berufsverbot belegt worden und ich in der „Sozialistischen Umerziehung“ gelandet! Schlimme Aussichten!